Peter Brokmeier
Allgemeine Überlegungen
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Allgemeine Überlegungen


"DOCENDO DISCIMUS" (Seneca)

Wenn es, wie Goethe meint, der Auftrag der Wissenschaften ist, „die äußern und inneren Erfahrungen ins Allgemeine, in einen Zusammenhang“ zu bringen, so gilt das nicht nur für die Forschung, sondern auch für die Lehre. Charakteristisch für den akademischen Unterricht ist die mündliche Mitteilungsform. Was oft übersehen wird: in ihr sind Möglichkeiten des Verstehens angelegt, die dem Forschungsprozess auf allen seinen Stufen notwendigerweise abgehen. Denn nur im Wort, das in der gesprochenen Sprache lebt, wird Wissenschaft zu etwas Lebendigem.

Alle wissenschaftliche Arbeit bedarf daher des gesprochenen und das heißt: des lebendigen Wortes. Als fortlaufendes und nie endendes „Kompendium des Lebens“ ist sie darauf angewiesen wie wir auf die Luft zum Atmen. Ohne die akademischen Vortrags- und Gesprächsformen, die sich im Laufe vieler Jahrhunderte entwickelt haben, wäre keine Wissenschaft in der Lage, sich über jene Erfahrungen, von denen Goethe spricht, in der Weise zu äußern, dass dabei ein lebendiger Blick „ins Allgemeine, in einen Zusammenhang“ zustandekommt. Denn dieser Blick ins Allgemeine soll ja etwas zur Sprache bringen, was wir vorher noch nicht wußten. Zur Sprache bringen heißt hier deshalb nicht, einen Sachverhalt zu diskutieren oder überhaupt etwas Bekanntes zu ermessen und abzuwägen (das geschieht ja schon auf der Vorstufe der empirischen Arbeit in Forschung und Lehre), sondern es bedeutet gerade umgekehrt, etwas Unbekanntes, Verborgenes – also das Wesen der Sache – ins Offene zu bringen und zwar unmittelbar, ohne das Dazwischentreten des toten Buchstabens.

Dies wiederum kann im Rahmen der Universität nur funktionieren, wenn derjenige, der die Aufgabe hat, auf dem Weg vom Verborgenen ins Bekannte voranzugehen – und das ist der akademische Lehrer – sich nicht als Allwissender geriert, sondern umgekehrt alles daransetzt, dem Hörer und Gesprächspartner – also den Studierenden – klar und deutlich vor Augen zu führen, dass er selbst, um ins Offene zu kommen, in allen Stadien des Erkenntnisprozesses ein Lernender bleibt und bleiben muss. Das ist der Sinn des Leitspruchs: "Lehrend lernen wir - docendo discimus".

George Steiner (*1929), Professor in Oxford und Grandseigneur der europäischen Literaturwissenschaft, hat für diese Art Lehrtätigkeit eine schöne Metapher gefunden. In seiner 2003 gehaltenen Dankesrede aus Anlass der Verleihung des Börne-Preises sagte er in der Frankfurter Paulskirche unter anderem:

„(...) Die herausragenden Denker und Dichter schreiben die Briefe. Der Lehrer, der Ausleger ist der Briefträger, der postino, der sein Bestes tut, um die Briefe in die richtigen Kästen zu werfen. Ein bescheidener Beruf; Hölderlin braucht nicht den Herrn Steiner, aber der Herr Steiner hat Hölderlin leidenschaftlich nötig. Um atmen zu können im Bewußtsein. Nie darf man diese diese zwei Tätigkeiten miteinander verwechseln, wie es zu viele meiner Hochschulkollegen tun. Ich kann Ihnen sagen: Man nimmt sich in Professorenzimmern sehr ernst.

Ein bescheidener Beruf, aber vielleicht der schönste, den es gibt. Was heißt Lehrer sein? Dantes Antwort ist unvergleichbar: m'insegnavate come l'uom s'eterna. Unübersetzbar: 'Du, mein Lehrer, du, Ser Brunetto, hast mir beigebracht, wie der Mensch sich zur Ewigkeit wendet, sich ewig macht.' (...)“


*


Eine Anmerkung aus gegebenem Anlass:

Die unter dem Namen „Bologna-Prozess“ bekannt gewordene Studiengangsreform der letzten Jahre hat auch vor der Politikwissenschaft in Hannover nicht halt gemacht. Die schrittweise Ersetzung des Magister- und Diplomstudiengangs durch den Bachelor- und Master-Abschluss hat freilich viele Befürchtungen geweckt. Kann man z.B. angesichts der verpflichtenden modularisierten Studiengänge und entsprechender zeitlicher Vorgaben noch von einer „Freiheit des Studums“ sprechen? Sicherlich, die Forcierung von kalkulierbarer Effizienz des Studiums ist unbestreitbar. Aber zum einen ist noch nicht aller Tage Abend. Die Reform ist, wenn nicht alles täuscht, noch im Fluss. Zum andern sind die Lehrinhalte in ihrem Kern nicht von ihr betroffen. Vielleicht hat die Reform sogar einen belebenden Effekt in dieser Hinsicht. Die Rolle des postino im beschriebenen Sinn jedenfalls wird bleiben, er selber muss nur seine Methoden ändern.

 

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